Rede für „1EuropaFürAlle“-Demo am 19.05.2019 am Rathausmarkt – Özlem Nas

Liebe Hamburgerinnen und Hamburger Assalamu alaykum – Friede sei mit euch und ihnen
allen!
Europaweit gehen Menschen auf die Straßen wie auch wir hier. Wir setzen gemeinsam ein Zeichen für unsere Vision eines anderen Europas. Wir sind Zeugen einer Welt, die in vielerlei Hinsicht in Bewegung ist und Probleme gibt es reichlich: Flucht, Armut, Klimakrise, Arbeitslosigkeit, Geschlechterungerechtigkeit, Kriminalität, Terrorismus… die Liste ist lang. 
Global gesehen hat sich der Zustand unserer Umwelt stark verschlechtert und die Alarmglocken läuten laut, für die, die sie hören wollen. 
Auch all´ jene, die in Machthierarchien als „anders“ markiert und auf ihre Andersheit reduziert werden, sind einer ernsthaften Bedrohung ausgesetzt.

Studien belegen, dass nicht nur Rechtsextremisten auf dem Vormarsch sind und ihre Ablehnung eines gleichberechtigten Miteinanders kundtun, sondern, dass diese Ablehnung bis tief in die Mitte der Gesellschaften Europas reicht.
Menschen, die teilweise seit vielen Generationen in Europa leben, fragen sich immer öfter:
Bin ich willkommen? Habe ich gleiche Chancen? Gleiche Rechte? Kann ich mich frei entfalten? Stehen mir alle Berufe offen? Steht mir Wohnraum offen? Haben meine Kinder dieselben Bildungschancen? Muss ich mir Gedanken machen um meine Existenz? Muss ich mich sorgen, dass ich verbal oder körperlich angegriffen werde? Wie sicher bin ich in Gotteshäusern? Wie wird die Zukunft aussehen? Kann ich sie mitgestalten?
Auch hier läuten die Alarmglocken laut – für die, die sie hören wollen.
Migration ist eines der größten Streitthemen. Über kaum etwas wird so intensiv debattiert wie über Migration und Integration. Nationalistischen und rassistischen Debatten, die lautstark eine vermeintliche Integrationsunwilligkeit attestieren, ist zu entgegnen, dass die sogenannte Integration ganz im Gegenteil besser verläuft, als es ihnen lieb wäre, denn:
Je „integrierter“ die Menschen unterschiedlicher Herkunft in Europa sind, desto sichtbarer und hörbarer werden sie in der Gesellschaft, desto mehr stellen sie Unterdrückungsmechanismen, strukturelle Diskriminierung und Chancenungleichheit in Frage und je lauter sie werden, desto größer wird die Ablehnung der Gegner von offenen Gesellschaften. In fast allen europäischen Staaten erstarkt der Nationalismus und Rechtsextremismus.

Den europaweiten Protagonisten des Rechtsrucks geht es nicht um Integration, sondern um Unterordnung und Deplatzierung derer, die sie nicht haben wollen.
Es gilt nicht gleiches Recht für alle, sondern nur gleiches Recht für die Ingroup, für diejenigen, die keine andere Muttersprache sprechen, nicht anders aussehen, keinen anders klingenden Namen oder gar eine andere Religion haben.
Es wird eine klare Linie gezogen, wer dazu gehört und wer nicht und hierbei ist insbesondere der Islam ein stark umstrittenes Thema.
Ungeachtet dessen, dass Muslime seit vielen Generationen auf europäischem Raum leben, sich Existenzen aufgebaut, Familien gegründet, Arbeitsplätze geschaffen haben – gibt es noch immer die Debatte, ob sie und ihr Glaube dazugehören oder nicht.
Generationen von Muslimen in Europa wachsen mit der Realität auf, dass ihre Religion das Hauptfeindbild von Rechtspopulisten darstellt und für politische Hetzkampagnen und Scheindebatten instrumentalisiert wird. 
Sie haben immer häufiger mit Ressentimentszu kämpfen. Sie sind umgeben von Regierungen, die um eine Unsichtbarmachung von rechter Gewalt und Rassismus bemüht sind, bei gleichzeitiger Normalisierung von nationalistischen und rassistischen Debatten. 
Vielerorts in Europa werden wir Zeugen von politischen Bewegungen, die bemüht sind,

insbesondere die Religionsfreiheit von Muslimen einzuschränken, was die jüngste Debatte um den Erlass eines Kopftuchverbots im Nachbarland Österreich zeigt.
Ein Paradebeispiel für Symbolpolitik auf Kosten von Muslimen. Es gibt weder Zahlen noch Fakten und es wird ausschließlich der Islam herausgepickt und zur Zielscheibe von
Gesetzesentwürfen gemacht.
Selbst wenn man davon überzeugt ist, dass dieser Vorstoß wohl kaum vor dem
Verfassungsgerichtshof Bestand haben dürfte, hat er einen Effekt innerhalb der Gesellschaft und man fragt sich, was kommt als Nächstes? Und was ist die europäische Definition von Religionsfreiheit?

Wir haben viele Spalter europaweit, die eine gleichberechtigte Teilhabe verhindern wollen. Der Rassismus der Extremisten ruft immer lauter, dass eben nicht alle Menschen gleichwertig sind und die gleichen Rechte genießen sollen.
Die Würde von Menschen, die als anders markiert werden, wird immer heftiger mit Füßen getreten und ihre Rechte werden immer mehr in Frage gestellt. Dabei macht es keinen Unterschied für sie, ob es sich um Muslime, Juden, Roma und Sinti, Geflüchtete, People of Color im allgemeinen oder Schwarze handelt.
Die EU ist Heimat von über 500 Millionen Menschen und der Grundsatz, dass die „Würde des Menschen unantastbar ist“, sollte für alle Menschen gelten.
Und das ist das Europa, das wir haben wollen!
Wir wollen ein weltoffenes Europa, dass auf respektvoller Augenhöhe mit Minderheiten ist und sich nicht wie Kolonialherren verhält!

Ein Europa für alle bedeutet ein Europa der Vielen!
Vielfalt ist aus islamischer Perspektive gottgewollt. Die Schura Hamburg vereint Muslime verschiedener Glaubensrichtungen und Herkünfte und steht ein für ein friedliches, gleichberechtigtes, faires Europa für – ausnahmslos – alle.
Liebe Hamburgerinnen und Hamburger! Die Europawahl 2019 wird richtungsweisend sein und wir werden bei den Wahlen mit unserer Stimme dafür einstehen, was ein Europa für alle für uns bedeutet:
Ein Europa für alle muss sich auszeichnen durch einen verantwortungsbewussten Umgang mit Umwelt und Mensch!
Ein Europa für alle muss dem Sterben von Menschen im Mittelmeer und der Zankerei der Regierungen wer die Geflüchteten aufnehmen soll, ein nachhaltiges Ende setzen!

Ein Europa für alle darf nicht in die Hände von vergangenheitsorientierten Homogenitätsnostalgikern aus dem rechten Lager geraten die der Utopie eines weißen
Europas nachlechzen. Es darf keinen Raum bieten für White Supremacy, Rassismus und
gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit jeglicher Art!

Ein Europa für alle muss ein Europa der Menschenrechte, der Humanität & Solidarität sein! Wo alle Menschen ein würdiges Leben führen können – in einer würdigen Wohnung und bei würdigem Lohn – ganz gleich welches Geschlecht sie haben!
Liebe Hamburgerinnen und Hamburger,
Als Islamische Religionsgemeinschaft in Hamburg betet die Schura – in diesem für uns Muslime besonderen Monat Ramadan – für ein Europa für alle, wo der verantwortungsbewusste
Umgang mit Natur und Mensch im Vordergrund steht und der friedliche Zusammenhalt aller Menschen den Faktor darstellt, der ihre Lebensrealität dominiert.
In diesem Sinne: Assalamu alaykum ve rahmetullahi ve berakatuhu – Der Friede und die
Barmherzigkeit Gottes sei mit euch und ihnen allen!