Interreligiöser Dialog – Erfahrungen und Hoffnungen

Interreligiöser Dialog ist nützlich, um Vorurteile und Missverständnisse abzubauen, das friedliche Zusammenleben der Menschen zu gewährleisten und Ansätze für eine gerechtere Welt zu entwickeln.

Die Möglichkeiten und Chancen des interreligiösen Dialoges gehen aber darüber hinaus. Wenn er als Prozess der Selbsterziehung aufgefasst und ehrlich und ernsthaft, mit Aufrichtigkeit und Lauterkeit, geführt wird, kann er uns helfen, die islamische Botschaft tiefer zu verstehen und auf sinnvollere Weise zu verwirklichen, und uns zu neuen Einsichten hinsichtlich der eigenen religiösen und kulturellen Identität führen sowie zur Vertiefung unseres Glaubens beitragen und gleichzeitig uns allen, den Menschen aller Religionen, den Weg ebnen, uns miteinander zu entwickeln und uns als Anhänger verschiedener Religionen gegenseitig zu bereichern.
Erfahrungsgemäß läuft dieser Prozess in mehreren Phasen ab. Jede dieser Phasen birgt ihre eigenen Chancen, aber auch Risiken, deren man sich bewusst sein sollte, wenn er nicht scheitern soll. Auch unsere Gesprächspartner durchlaufen dieselben Phasen und unterliegen den gleichen Risiken. Das sollten wir im Gespräch berücksichtigen.



1. Phase – Begegnung

Eine Begegnung kann geplant oder zufällig zustande kommen. Voraussetzung für ihr Gelingen ist es, die Pluralität der Religionen und Weltanschauungen, die in unserer unmittelbaren Umgebung existieren, überhaupt erst einmal zur Kenntnis zu nehmen. Zu den Risiken gehört: Den interreligiösen Dialog mit Mission und Verkündigung zu verwechseln. Das aber ergäbe einen (eventuell doppelten) Monolog, keinen Dialog.

2. Phase – Entdeckung

Die Entdeckung erfasst zunächst nur Bruchstücke der Glaubenswelt unseres Gegenübers, und es kann leicht geschehen, dass diese Bruchstücke noch „durch die eigene Brille“ gesehen werden. Voraussetzung für das Gelingen ist die Bereitschaft, die religiöse, geistige und kulturelle Welt des Gegenüber zu entdecken und die eigenen Positionen einigermaßen verständlich darzulegen und darüber zu sprechen. Unbedingte Voraussetzung ist ferner die Bereitschaft, uns als gleichberechtigt Suchende zu begegnen, die bereit sind, von- und miteinander zu lernen. Zu den Risiken gehört: Im Übereifer einen Ton anzuschlagen, der den Gesprächspartner verletzt oder vorschnell seine Vorstellungen rigoros abzulehnen und zu versuchen, ihm die „Falschheit“ seiner Vorstellungen, die man noch gar nicht wirklich verstanden hat, klar zu machen.

3. Phase – Erfahrung

Die Erfahrung einer uns bis dahin noch nicht voll erschlossenen Welt beginnt, wo es möglich ist, das Gegenüber zu hören und sein Selbstverständnis zu Wort kommen zu lassen. Diese Erfahrung ist auf jeden Fall eine Herausforderung, faszinierend – oder erschreckend und verunsichernd. Denn er steht uns jetzt nicht mehr als Forschungsobjekt und als „Ansprechpartner“ gegenüber, sondern als Gesprächspartner und als Subjekt, das uns seinerseits Fragen stellt – vielleicht auch kritische Nachfragen, die uns zunächst sehr unangenehm sind. Da ist es wichtig, sich an die qur’anische Empfehlung zu erinnern und auf die beste Art – mit ruhigen, sachlichen Argumenten – miteinander zu diskutieren und sich klar zu machen, dass es bei Glaubensgesprächen nun wahrlich nicht darum geht, wer Recht hat, denn das sollten wir Gott allein überlassen. Vielmehr geht es darum, den Anderen mit seinen Einsichten und Irrtümern, seinen Ängsten und seinen Hoffnungen, besser zu verstehen. Voraussetzung für das Gelingen ist die Bereitschaft, in den uns Begegnenden vollwertige Mitmenschen zu sehen, deren Vorstellungen, Empfindungen und Wahrheitssuche anzuerkennen sind. Zu den Risiken gehört: Apologie zu treiben, statt eigene Glaubensvorstellungen zu erläutern, sowie Offensive mit Aggression zu verwechseln oder zu versuchen, unangenehme Anfragen abzuwehren, womöglich begleitet von Polemik.

4. Phase – Reflexion

Die Reflexion dessen, was wir bis dahin im Dialog erlebt und erfahren haben, führt dazu, den eigenen Standort zu überdenken und festszustellen: „Ein Standpunkt ist ein Gesichtskreis mit dem Radius Null“, wie es so schön heißt, aber auch: „Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht.“ Voraussetzung ist die Bereitschaft, sich selbst in Frage zu stellen („Wie gut habe ich die Lehren meiner Religion eigentlich verstanden?“) und die Entwicklung der eigenen Religionsgemeinschaft kritisch zu hinterfragen („Stimmt unsere religiöse Tradition eigentlich noch mit dem überein, was der Religionsstifter gelehrt und vorgelebt hat, oder haben wir uns inzwischen von Geist und Inhalt der Lehre vielleicht so weit entfernt, dass er sich in unserer Mitte nicht mehr wohlfühlen könnte?“). Die kritischen Nachfragen betreffen dann auch den Dialog selbst: Brauche ich denn das Fremde, um das Eigene zu finden? Nutze ich das Fremde nicht nur als Stichwortgeber für mich selbst? Zu den Risiken gehört: Flucht vor Selbstkritik und vor dem Dialogprozess als Ganzem, womöglich begleitet von der Abfassung theoretischer Abhandlungen über die Sinnlosigkeit oder gar die Gefährlichkeit interreligiöser Dialoge.

5. Phase – Gespräch

Brauche ich denn das Fremde, um das Eigene zu finden? In gewissem Sinne, ja: Weil Gott immer das ganz Andere, das uns gänzlich Unverfügbare ist, hilft der Blick von außen, selbst wieder einen klaren Blick zu gewinnen, wo man im Laufe der Zeit und in lieber Gewohnheit begonnen hat, Gott klammheimlich für sich zu vereinnahmen und zu sagen: „Mein Gott!“ statt: „Der Herr der Welten!“ Der Dialog reißt uns aus bequemen Gewohnheiten – eben deshalb verunsichert er ja auch. Und das kann fruchtbar sein. Nutze ich damit das Fremde für mich selbst? Ja, durchaus. Und ich kann es genau so weit nutzen, wie ich dem Fremden von Nutzen bin. Das ist ein wechselseitiger Prozess. Dialog beginnt ja gerade erst da, wo eine Wechselwirkung einsetzt. Die wirkliche Gemeinsamkeit besteht nicht darin, dass „alle beten“, sondern in dem, was im Gebet erfahren wird – eben das ganz Andere. Und das ist es für jeden von uns. Und für jeden von uns besteht die Versuchung, es für sich zu vereinnahmen. Und in jedem von uns findet ein Kampf statt gegen die Einflüsterungen der „Nafs“, gegen unsere egoistischen Bestrebungen und Begierden. Für jeden von uns ist es aber auch das, was uns „näher ist als die Halsschlagader“. Da genau liegen die wirklichen Gemeinsamkeiten. Genau da beginnt das Gespräch.

„Trage vor, was dir von der Schrift offenbart wurde, und verwirkliche das Gebet. Das Gebet hält von Schändlichkeiten und Unrecht ab, und Gottes zu gedenken ist das höchste. Und Gott weiß, was ihr tut. Debattiert nicht mit dem Volk der Schrift, es sei denn in der besten Art, abgesehen von denen von ihnen, die ungerecht sind, und sprecht: »Wir glauben an das, was zu uns herabgesandt wurde und was zu euch herabgesandt wurde; und unser Gott und euer Gott ist Einer; und Ihm sind wir ergeben.«“ (29:46-47)

Seit längerer Zeit wird der interreligiöse Dialog auf „höheren Ebenen“ geführt: Der „Runde Tisch der Religionen“ in Mainz spricht von „Vertretern der Führungskreise“, also hochrangige Theologen, renommierte Philosophen, bekannte Wissenschaftler, engagierte Politiker, wichtige Verbandsfunktionäre usw. Das hat seine eigenen Verdienste, hilft den „Normalsterblichen“ in ihrem Alltagsleben aber nicht viel weiter. Dort käme es darauf an, die vorhandenen Ansätze des interreligiösen Dialoges auf Gemeindeebene, wie sie in Hamburg erfreulicherweise vorhanden sind, weiterzuentwickeln, damit auch einfache Gemeindemitglieder die Chancen, die im interreligiöse Dialog liegen, wahrnehmen können und darüber hinaus mit den Menschen anderer religiöser Gemeinschaften vor Ort gemeinsam Wege für ein vernünftiges Miteinander und Mittun bei der Lösung lokaler Probleme in ihren Stadtvierteln finden und beschreiten können.